Verändert Corona die Gesellschaft?

Wird sich, wenn wir Corona bewältigt haben, die Gesellschaftsich vielleicht total ändern, wird eine neue Zeit anbrechen? Noch eine weitere Post-Moderne? Darüber unterhielt sich jetzt der Philosoph Richard David Precht mit dem Soziologen Andreas Reckwitz, Professor an der Humboldt-Universität Berlin. Ich möchte dieses Gespräch empfehlen (Link am Ende des Berichts)Muss es noch eine  weitere Postmoderne geben? Wo wir doch wissen, das wir uns den quantitativ anhaltenden Fortschritt, der seit 250 Jahren die moderne Zeit ausmacht und prägt, im Hinblick auf die Existenz dieser Welt gar nicht mehr erlauben dürfen.
Precht zeigt die veränderten Situationen.  Vor Corona sahen wir eigentlich immer auf steigende Kurven. Jetzt hoffen wir bei Corona gar auf fallende Kurven. Ein Gefühl des Stillstandes macht sich breit. In die endlose Abfolge von Sonntagen kracht die Angst vor zunehmender Arbeitslosigkeit und dem rapide schrumpfenden Inlandsprodukt  mit der unausweichlichen Wirtschaftskrise. Dann sehen wir aber auch den Himmel ohne Flugzeuge, den wenigen Verkehr, genießen vielleicht sogar die Natur mehr.  Und erfühlen eine Welt, in der im Brennglas nicht mehr der absolute Fortschritt steht.
Soziologe Andreas Reckwitz ist bekannt geworden mit seinen Ansichten über radikale Individualisierung, Er schildert  die neue Klassengesellschaft mit Eigenschaften einer postindustriellen Ökonomie, den Konflikt um Kultur und Identität, die aus dem Imperativ der Selbstverwirklichung resultierende Erschöpfung und die Krise der Liberalismen.
Seine Bücher sind in aller Munde. CDU-Möchtegern-Vorsitzender Friedrich Merz hielt es in den Händen, als er sich aus der Quarantäne zurück meldete.  Bei SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil war es bei einem Auftritt ebenso zu sehen wie bei der Kanzlerin und anderen Politikern.
Precht fragt Reckwitz, was er den Politikern als seinen Lesern raten würde. Dass sie ihre  Erfahrungen mit staatlicher Risiko-Politik und der Mobilisierung der Bevölkerung  nutzt für die Frage des Klimawandels. Das Klima wird ein Notstand mit ganz anderen Forderungen an die Gesellschaft – egal wer regiert. Und: Bei Corona machen die Experten, die Virologen, viel Politik. Beim Klima wollen die Politiker das Gegenteil von dem, was die Experten ihnen raten.
Zur Zukunft will sich Reckwitz überhaupt nicht festlegen: Eine nicht moderne Gesellschaft ist derzeit unvorstellbar, nimmt Formen an, die wir uns jetzt gar nicht vorstellen können, möglicherweise im Negativen – bis hin zum permanenten Bürgerkrieg.
Und dann fabulisieren die beiden Denker um neue Lebensanreize für eine unbestimmte Gesellschaft, die hoffentlich beim Sieg über Corona nicht in ein Chaos stürzen wird. Erschreckend wie wenig Menschen derzeit darüber nachdenken. Glaubt jemand, dass man Verzicht als Fortschritt umdeklarieren könnte und diese Gesellschaft das mitmacht?

Das Gespräch bei Youtube

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